{"id":1058,"date":"2017-05-14T15:11:29","date_gmt":"2017-05-14T13:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/vbostest\/?page_id=1058"},"modified":"2017-05-14T15:13:58","modified_gmt":"2017-05-14T13:13:58","slug":"das-neue-programm-der-distel-ueberzeugt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/index.php\/das-neue-programm-der-distel-ueberzeugt\/","title":{"rendered":"Das neue Programm der \u201eDistel\u201c \u00fcberzeugt"},"content":{"rendered":"<p>Der Tagesspiegel, 2.05.17<br \/>\nGerd Appenzeller<\/p>\n<h2><strong>Freie Republik Dorotheanien<\/strong><\/h2>\n<h4><strong>\u201eZwei Zimmer, K\u00fcche: Staat\u201c \u2013 das neue Programm der \u201eDistel\u201c \u00fcberzeugt<\/strong><\/h4>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Gutes Kabarett hat immer einen Hauch von Umsturz. Deshalb hassen Diktatoren<br \/>\ndas politische Kabarett oder versuchen es zu domestizieren. Als die SED 1953<br \/>\ndas Murren in der Bev\u00f6lkerung nicht mehr \u00fcberh\u00f6ren konnte, verordnete sie<br \/>\ndie Gr\u00fcndung der Distel. Der Auftrag: Verbreitung des sozialistischen Humors,<br \/>\nDetailkritik erlaubt, R\u00fctteln am System verboten. Gerieten die Aufsicht f\u00fchren-<br \/>\nden Genossen in Gewissensn\u00f6te \u00fcber die aufm\u00fcpfigen Schauspieler, kippten sie<br \/>\nschon mal das ganze Programm bei der Generalprobe. So etwas sprach sich nat\u00fcr-<br \/>\nlich herum in der Hauptstadt der DDR und schwei\u00dfte ein zur permanenten Reni-<br \/>\ntenz neigendes Darstellerteam genauso zusammen wie die Besucher.<br \/>\nSo viel Vorrede ist notwendig, um die Distel von heute zu verstehen. Da ist n\u00e4m-<br \/>\nlich auf der B\u00fchne in der Friedrichstra\u00dfe 101 ein doppeltes Wunder geschehen.<br \/>\nFast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich das Ensemble immer noch nicht<br \/>\nvon der Demokratie in die Lethargie korrumpieren lassen, sondern ist subversiv<br \/>\nund bissig wie einst. Das liegt auch daran, dass einige der wichtigsten Darstel-<br \/>\nler genauso dabeigeblieben sind wie viele Frauen und M\u00e4nner im nat\u00fcrlich deutlich<br \/>\n\u00e4lter gewordenen Publikum. Das ist eine verschworene Gemeinschaft, die ki-<br \/>\nchernd und verschw\u00f6rerisch Erinnerungen teilt. Der Tourist, den die Reiseregie<br \/>\nin die Distel geschickt hat, erlebt also, wenn er oder sie Sensoren daf\u00fcr hat, eine<br \/>\nMehrfachpremiere: Ein neues Programm, in dem Politik im politischen<br \/>\nRaum gemacht und gespielt wird, und in dem das Publikum, bewusst oder unbe-<br \/>\nwusst, selber Teil der Inszenierung ist.<\/p>\n<p>Der Plot des neuen Programms ist genauso durchgeknallt wie einladend zu je-<br \/>\nder Menge Wortwitz: Bald-Rentnerin Margie lebt mit ihrem nichtsnutzigen<br \/>\n44-j\u00e4hrigen Sohn in der Berliner Dorotheenstra\u00dfe unter prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnis-<br \/>\nsen und h\u00e4lt sich finanziell nur dank eines Untermieters \u00fcber Wasser, der dazu<br \/>\nnoch ein Hochstapler ist. Als Margie ihren Rentenbescheid bekommt, ist klar, dass<br \/>\naus diesem Leben nichts mehr wird, wenn sich nicht grundlegend etwas \u00e4ndert. Also<br \/>\nbeschlie\u00dft das Trio die Gr\u00fcndung eines eigenen Staates. Die \u201eFreie Republik Doro-<br \/>\ntheanien\u201c wird f\u00fcr Steuerbetr\u00fcger genauso interessant wie f\u00fcr Kriminelle, die<br \/>\neinen Diplomatenpass brauchen, und am Schluss mischt sich auch noch Angela Mer-<br \/>\nkel in die Geschicke Dorotheaniens ein.<\/p>\n<p>Deren Kanzlerin Margie findet genauso wie ihr Sohn als Verteidigungs- und der<br \/>\nUntermieter als Au\u00dfenminister zunehmend Spa\u00df an der Geschichte.<br \/>\nGanz zum Ende wird der ohnedies turbulente Szenenwechsel so chaotisch, dass<br \/>\nman kurz meint, die Regie probiere bei der Premiere noch mehrere Schlusssze-<br \/>\nnen aus. Aber durch die zwei Stunden rei\u00dfen Dagmar Jaeger als Kanzlerin, Michael<br \/>\nNitzel als Au\u00dfenminister und R\u00fcdiger Rudolph als missratener Sohn und genuss-<br \/>\nfreudiger Verteidigungsminister den Saal mit. Nitzel, seit 1983 im Distel-Team, und<br \/>\nJaeger, seit 1989 dabei, sind einfach brillant, er eine umwerfende, sarkastische<br \/>\nRampensau, sie bei aller Komik eine gro\u00dfartige Diseuse. Ohne die Musiker,<br \/>\nMatthias Felix Lauschus und Fred Symann, w\u00e4re das Geschehen nicht das kom\u00f6dianti-<br \/>\nsche Gesamtkunstwerk, das dem Besucher nebenbei drei grundlegende Gestal-<br \/>\ntungsprinzipien der Politik vermittelt:<\/p>\n<ol>\n<li>Da m\u00fcssen wir noch mal ran,<\/li>\n<li>Das hat mein Vorg\u00e4nger versaut,<\/li>\n<li>Das wird aber nicht billig.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Mein Ratschlag: Unbedingt hingehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1057 alignnone\" src=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6493_Foto_JohannesZacher-300x206.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6493_Foto_JohannesZacher-300x206.jpg 300w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6493_Foto_JohannesZacher-768x528.jpg 768w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6493_Foto_JohannesZacher-1024x704.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1056 alignnone\" src=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6560_Foto_JohannesZacher-300x185.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6560_Foto_JohannesZacher-300x185.jpg 300w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6560_Foto_JohannesZacher-768x474.jpg 768w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Jaeger_Rudolph_Nitzel_6560_Foto_JohannesZacher-1024x632.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1055 alignnone\" src=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Nitzel_Jaeger_Rudolph_6642_Foto_JohannesZacher-300x191.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Nitzel_Jaeger_Rudolph_6642_Foto_JohannesZacher-300x191.jpg 300w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Nitzel_Jaeger_Rudolph_6642_Foto_JohannesZacher-768x490.jpg 768w, https:\/\/volksbuehne-osnabrueck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Kabarett_Theater_DISTEL_ZweiZimmer_Nitzel_Jaeger_Rudolph_6642_Foto_JohannesZacher-1024x654.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tagesspiegel, 2.05.17 Gerd Appenzeller Freie Republik Dorotheanien \u201eZwei Zimmer, K\u00fcche: Staat\u201c \u2013 das neue Programm der \u201eDistel\u201c \u00fcberzeugt \u00a0 Gutes Kabarett hat immer einen Hauch von Umsturz. 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